2011

Teaser für Peter Grimes - Premiere am 13. Januar 2012

Kritik zu Salome am Theater Erfurt auf www.opernnetz.de, 13. April 2010

Im Angesicht des unwirtlichen Monds

Das Orchester sitzt „quer“ zum Publikum auf der Bühne; auf einer Brücke ist Narraboth zu sehen; im Hintergrund die Video-Installation des Mondes mit Kratern, freien Flächen wechselnd vom aschgrauen Mondlicht zur magischen Beleuchtung; Akteure tauchen aus dem dunklen Hintergrund auf; sie kommunizieren auf der Vorderbühne.

Berthold Warnecke und Christiane Küppers konzipieren ein düsteres Ambiente für eine atmosphärisch dichte „halbszenische“ Salome.

Die Akteure lassen sich auf diese Situationen ein, nehmen die geschaffene Stimmung auf, identifizieren sich mit den dargestellten „Rollen“.

Ruth Maria Nicolay singt die Salome sehr diszipliniert über die mörderisch lange Strecke, beweist ihre Fähigkeit kalkulierten Einsatzes ihrer wunderbaren stimmlichen Möglichkeiten, entwickelt eine abwartende Salome und gibt den Schlussmonolog eher nachdenklich als furios.

Wolfgang Newerlas Jochanaan ist der glaubenssichere Prophet, statisch agierend, Glaubenssätze demonstrativ „deklamierend“ – mit zuverlässig strömenden Bass-Bariton.

Robert Wörle gibt dem Herodes aasigen Charakter, intoniert perfekt in den kritisch-doppeldeutigen Phasen, wird zum ambivalenten „Lebemann“.

Stephanie Müthers Herodias ist die „spinnöse“ Mutter – unterstreicht diesen Charakter mit gekonnten stimmlichen Ausbrüchen in den aggressiven Höhen.

Richard Carluccis leidenschaftlich präsentierter Narraboth; Carolina Krogius mit hell-klarem Timbre als Page; Jörg Rathmann als exaltierter Jude; Vazgen Ghazaryan mit kalmierendem Bass als 1. Nazarener; Máté Sólyom-Nagy mit sonorem Bas: Sie stehen für die enorme Kompetenz des Erfurter Ensembles!

Walter E. Gugerbauer leitet das riesige Ensemble von Philharmonischem Orchester Erfurt und der Thüringen Philharmonie Gotha zu einem opulenten Strauss-Klang: fein austariert die Instrumentengruppen (überaus lobenswert die Blechbläser mit ihren diffizilen Aufgaben!) in ihrer Kommunikation, in der Dynamik spannungsgeladen, die Tempi der sich entwickelnden Handlung angemessen, mit kreativer Unterstützung der Sänger – vor allem: schwelgend in den überwältigenden Tutti, dann wieder Dissonanzen dramatisch herausarbeitend!

Wolfgang Rauschning erfindet eine emotional inspirierende Video-Projektion mit einem „kommunizierenden“ Mond, mit wehenden Wolken und einem zerplatzenden Sternenhimmel – hoch artifiziell, doch im peripheren Eindruck von großer assoziativer Kraft.
Das permanent aufmerksame Erfurter Publikum akzeptiert die ungewöhnlich-intensive Darbietung und spendet begeisterten Applaus!

Franz R. Stuke

Kritik zu Salome am Theater Erfurt in der Thüringer Allgemeine, 11. April 2010

Salome
Die Oper „Salome“ hatte gestern konzertant Premiere und begeisterte das Publikum
Konzertante Opern-Aufführungen bedeuten nicht zwangsläufig minder schöne Erlebnisse. Sie eröffnen mitunter − wie bei der Premiere der „Salome“ von Richard Strauss − machmal einen neuen Blick- oder Hörwinkel.

ERFURT.
Die „Salome“, die am gestrigen Nachmittag in der Neuen Oper in Erfurt uneingeschränkt und vollkommen zu Recht bejubelt wurde, gilt als eine der ersten Literatur- Opern. Die Konzentration des expressionistischen Stoffes nach Oscar Wilde verlangt dem Hörer dabei viel ab, unter anderem auch deshalb, weil im Palast von Salomes Stiefvater Herodes nicht nur die Dur-Moll-Tonalität an ihre Grenzen stößt. „Salome“ ist laut Richard Strauss „eine Sinfonie im Drama, und sie ist psychologisch wie alle Musik“. Die Ernte auf dem höchst differenzierten Klangfeld des Komponisten fuhren das um Gothaer Kollegen erheblich verstärkte Philharmonische Orchester Erfurt, Dirigent Walter E. Guggerbauer sowie die Solisten der großen und kleinen Partien hundertprozentig ein. Das durchkomponierte Werk fügte sich tatsächlich zu einer Sinfonie, filigran und massiv, aufgepeitscht und sanft.
Akustisch gerann die Aufführung zu einem Surround-Erlebnis mit Sogpotenzial und ermöglichte das sprichwörtliche Baden im Klang. Die Solisten brauchten nicht krampfhaft nach darstellerischen Gesten suchen. Sie waren Gleichgestellte im klingenden Kosmos. Und die Zuschauer durften konzentriert wie selten dem bekannten Tanz der sieben Schleier lauschen, durch Wolfgang Rauschning (Videogestaltung) als eine farbspielende Verführung von orientalischem Charme an die hintere Bühnenwand gezaubert. Dadurch wirkte das erotische Kernstück der „Salome“ hochgradig entmaterialisiert. Wie gut die Solisten waren, zeigt unter anderem der hohe Grad an Textverständlichkeit. Lediglich der prophetische Status des Jochanaan wurde untertextet. Seine Worte ziehen über eine im Hintergrund zu schauende Mondlandschaft, übersät mit Kratern, deshalb verödeten Wunden menschlicher Seelen ähnelnd.
Richard Carlucci (Narraboth) besingt als erster im Tonfall gestandener Manneskraft die Schönheit der Prinzessin Salome. In den kleineren Rollen wirken sehr ansprechend Carolina Krogius (Page) und Maté Sólyom-Nagy (Soldat). Robert Wörle (Herodes) bettet den politischen Herrscher vom Schlage spätrömischer Dekadenz in die anziehende Süffisanz seiner Stimme. Stéphanie Müther (Herodias) agiert mit dem rechten großvolumigen Ton für eine giftige Galle spuckende Stiefmutter. Wolfgang Newerla (Jochanaan) ist bereits mit seinem ersten prophetischen Ausruf ganz auf wagnerscher Linie. In der Titelpartie zeigt sich Ruth Maria Nicolay als reife, sehr bewusste Frau. Zudem lässt ihr einnehmendes stimmliches Wesen am Ende, da sie Herodes zum Tode verurteilt, sogar Mitleid aufkeimen. Diese Erfurter „Salome“ ist aus einem Guss und ein konzertantes Ereignis.
Ursula Mielke, Thüringer Allgemeine, 11.04.2011